Was passierte in der Französischen Revolution? Wann war Nixon Präsident? Wer ist Hannah Montana? All dies sind Fragen, die Wikipedia mit wenigen Klicks beantwortet. All dies sind Personen und Geschehnisse, die als „relevant“ gelten. Über die letzte Weihnachtsfeier im Büro steht da nichts. Über den Blindenhund meiner Oma auch nicht. Selbst wenn diese beiden Artikel geschrieben werden würden, wären sie innerhalb kürzester Zeit wieder verschwunden. Nicht, weil sie falsch sind. Sondern weil sie laut Relevanzkriterien irrelevant sind (1).
Paris Hilton vs die Bäckerin
In den eben genannten Beispielen ist es vielleicht nachvollziehbar. Doch wieso sind Krankenkassen relevanter als Krankenhäuser und Berufsfeuerwehren relevanter als freiwillige Feuerwehren? Wieso ist die Arbeit von Paris Hilton relevanter als die der Bäckerin von gegenüber, die jeden Morgen um 3 Uhr aufsteht und die besten Brötchen der Stadt macht? Wieso wird der Verein MOGIS (MissbrauchsOpfer Gegen InternetSperren) gelöscht (2)?
In der Netzwelt entbrennt ein erbitterter Kampf (3), bei dem sich vor allem Inklusionisten dagegen wehren, dass Artikel aufgrund von „Irrelevanz“ gelöscht werden (4). Und das, obwohl selbst Jimmy Wales, der Wikipedia-Gründer, die deutsche Wikipedia für qualitativ hochwertiger hält (5) – wahrscheinlich gerade weil hier gefiltert wird.
Wiki- oder Enzyklo-Pedia?
Die Optionen sind also scheinbar: Eine „Enzyklo-Pedia“ mit echtem Lexikon-Charakter, begrenzter Autorenschaft, hohen Relevanz- und Qualitätskriterien oder eine „Wiki-Pedia“ mit entspannten Kriterien, bei denen jeder über alles schreiben darf.
Für Letzteres spricht die eigentliche Vision des Projekts: „Imagine a world in which every single human being can freely share in the sum of all knowledge. That’s our commitment.“ (6) Wikipedia würde sich mit einem elitär geregelten Online-Lexikon also demnach selbst verraten. Und dennoch: Mit den aktuell geltenden Relevanzkriterien hat sich die Seite den Titel den Online-Lexikon-Papstes gesichert. Die Wikipedianer können mit Recht stolz sein. Das Ziel der verlässlichen Enzyklopädie ist doch durchaus edel und achtbar.
Doch ist nicht schon das „Everyone can edit!“ der Anfang des Problems? Wenn jeder mitmachen darf, können nicht alle Artikel perfekt oder interessant für den Großteil der Bevölkerung sein. – Na und? Wer es besser weiß, kann berichtigen. Und wenn viele den Artikel unwichtig finden, müssen sie ihn ja nicht lesen. Die fünf, zehn oder hundert Menschen, die es vielleicht doch interessiert, freuen sich.
Was ist also wichtiger? Anpassung an die schnelllebige Pop- und Netzkultur mit all ihnen noch so banalen Beiträgen oder das Beharren auf Qualität statt Quantität, gerade weil der Rest des Netzes genug „Überflüssiges“ produziert?
Oder ist Qualität in so einem Falle gar an Quantität messbar: Je mehr desto besser, da nur so möglichst viel freies Wissen gesammelt werden kann – und sei es auf den ersten Blick noch so irrelevant? Die Wikimedianer konnten den Streit nun nicht mehr länger ignorieren und haben nach Berlin eingeladen: “Relevanz in der Diskussion – Was kommt eigentlich in die Wikipedia und was nicht?” (7)
Vorschlag: Duales System
Wir halten ein duales System, wie es auch schon in der Blogosphäre (8) vorgeschlagen wird, für eine weitere bedenkenswerte Option. Das Ganze kann sogar innerhalb der bestehenden Wikipedia umgesetzt werden – ohne etwa eine Aufspaltung des Projekts. Wie schon in der Diskussion zu obigem Artikel vorgeschlagen wird:
Eine zweigliedrige Wikipedia wäre mit Hilfe eines Artikelstatus möglich. Jeder neue Artikel erhält den Status „Entwurf“. Artikel, die den hohen Relevanz- und Qualitätskriterien entsprechen, könnten mit dem Status “Enzyklo” geadelt werden. Sobald eine Änderung erfolgt, fällt die neue Version auf “Entwurf” zurück. Der Leser kann nun selbst entscheiden, ob er in der “Entwurfs” oder “Enzyklo”-Version recherchieren möchte.
Untiefen des Netzes sind keine Alternative
Uns muss klar werden, wie fatal die Alternative ist. Ohne Anlaufstelle für ‚irrelevantes’ freies Wissen geht es verloren. Denn was macht der Autor, der auf der Wikipdia gelöscht wird? Wenn er nicht sowieso schon aufgegeben hat, wird er irgendwo auf einem Portal oder beispielsweise in seinem Blog veröffentlichen. „Aber damit ist das Wissen doch gar nicht verloren“, höre ich die Einwendung „Google hilft!“. Angenommen das stimmt. Angenommen Google findet die Artikel tatsächlich.
Hat der geschasste Autor auch daran gedacht, seinen Beitrag unter eine freie Lizenz zu stellen? Nur frei lizenzierte Beiträge dürfen kopiert werden (um sie weiterzugeben, um sie zu sichern, um auf ihnen aufzubauen, um sie zu verbessern). Nur frei lizenzierte Beiträge sind freies Wissen.
Nur frei lizenziertes Wissen ist frei
Auf der Wikipedia als Anlaufstelle für freies Wissen passiert die freie Lizenzierung automatisch. Aber auf Blogs, anderen Portalen & Co werden viele Autoren vergessen, ihren Beitrag frei zu lizenzieren. Oder sich der Bedeutung gar nicht bewusst sein. Wir sehen: Ohne Anlaufstelle keine freie Information.
Das ist auch der Grund für unsere OpenCritics-Bemühungen. Freie Meinungen sind ähnlich wichtig wie freies Wissen. Nur fristen frei lizenzierte Meinungen noch immer ein Nischendasein, da sich niemand derer angenommen hat. Wir hoffen, dies ein wenig zu ändern.
Oder ein anderes Beispiel: OpenStreetMap, ein großartiges Projekt. Als zentrale Sammelstelle für freies Kartenmaterial sorgt das Projekt dafür, dass niemand vergisst, seinen Beitrag frei zu lizenzieren. Gäbe es so viel freies Kartenmaterial ohne eine große Anlaufstelle? Wohl kaum.
Wir brauchen auch Anlaufstellen für freie, ‘irrelevante’ Informationen
Daher: Es ist nicht wichtig, wie genau wir Autoren ermöglichen, ‚irrelevante’ Beiträge zu veröffentlichen. Ob wir uns doch für einen inklusonistischen Ansatz entscheiden, oder für ein zweigleisigen System auf der Wikipedia (Enzyklopedia-Status für relevante Beiträge) oder für ein zweites, großes, separates Projekt (Wikipedia und Enzyklopedia). Wichtig ist eigentlich nur, dass es irgendeine große Anlaufstelle auch für ‚irrelevante’ Inhalte gibt.
(1) de.wikipedia.org Relevanzkriterien
(2) de.wikipedia.org Seite zu MOGIS
(3) bspw aggregat7.ath.cx - 99 Prozent aller Deutschen sind irrelevant
(4) leonweber.de, fuechseblog.de spreeblick.com
(5) heise.de newsticker - Deutsche Wikipedia ist besser
(6) Wikimedia Foundation Vision
(7) blog.wikimedia.de Relevanz in der Diskussion
(8) frank.geekheim.de